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Pauline Grabosch meldet sich im Weltcup zurück: "Musste mich neu sortieren"

 © Arne Mill /Frontalvison.de
© Arne Mill /Frontalvison.de

Pauline Grabosch hat sich in den vergangenen Monaten rar gemacht. Die 20-Jährige aus dem Chemnitzer Team Erdgas.2012 benötigte Zeit, um sich nach dem Unfall von Trainings- und Teamkollegin Kristina Vogel neu zu sortieren. Mit dem Weltcup in Milton/Kanada will Grabosch wieder angreifen.

Milton. Der 26. Juni wird wohl immer im Gedächtnis von Pauline Grabosch bleiben. Training auf der Radrennbahnbahn Cottbus, Vorbereitung auf den Großen Preis von Deutschland. Grabosch und Kristina Vogel üben für den Teamsprint. Die 20-Jährige, vier Monate zuvor mit Vogel und Miriam Welte erstmals Weltmeisterin in dieser Disziplin, fährt auf der 333-Meter-Betonbahn eine gute halbe Runde an, schert dann aus. Vogel, mit der für sie typischen Haltung mit dem Kopf nach unten, beschleunigt weiter und kracht mit etwa 60 km/h in einen niederländischen Junioren-Fahrer, der unvermittelt auf die Piste gerollt war. Fast direkt nach dem Unfall ist klar: Die zweifache Olympiasiegerin und elffache Weltmeisterin ist querschnittgelähmt.

Während die Erdgas-Teamkollegen Maximilian Levy und Maximilian Dörnbach zwei Wochen später bei den deutschen Meisterschaften mit Top-Ergebnissen das Erlebnis von Cottbus versuchen zu bewältigen, fährt Grabosch in Dudenhofen hinterher. Die Bilder des Unfalls kommen immer wieder, lähmen die 20-Jährige fast. „Körper und Geist haben nicht mehr mitgespielt. Ich konnte meine Leistung einfach nicht mehr abrufen und musste Abstand gewinnen“, erinnert sich Grabosch. Die Europameisterschaft in Glasgow sagt sie kurzerhand ab, reist stattdessen auf die Kanaren: „Ich habe mich bewusst entschieden, eine Auszeit zu nehmen.“

Der Unfall ist der traurige und tragische Höhepunkt eines überaus turbulenten Jahres 2018. Grabosch startet mit zwei Weltcup-Siegen im Januar in Minsk, gewinnt Ende Februar bei der WM in Apeldoorn Teamsprint-Gold und sensationell Bronze im Sprint. Nebenbei baut die aus Bottmersdorf bei Magdeburg stammende Sprinterin an der Sportschule Erfurt ihr Abitur – trotz über 250 Fehltagen in der Oberstufe mit der Note 1,1 (mit Nachteilsausgleich). Auch privat durchlebt sie im Frühjahr eine schmerzliche Zeit. Und dann kommt dieser verflixte 26. Juni. „Der Unfall hat mich definitiv aus der Bahn geworfen. Danach musste ich mich Stück für Stück wieder neu sortieren“, sagt Grabosch mit vier Monaten Abstand.

Geholfen hat ihr in dieser schweren Zeit vor allem der Zusammenhalt im Team Erdgas.2012. Die ersten Nächte nach dem Unfall verbrachte sie im Haus von Maximilian Levy bei Cottbus. „Wir haben wirklich zusammengestanden und unser Motto ,la familia‘ gelebt. Und auch unsere Spendenaktion #staystronkristina hat mir bei der Verarbeitung geholfen“, sagt Grabosch. Mitte August sei sie ins Training zurückgekehrt, habe dann mit Heimtrainer Anner Miedema erst ihren weiteren Weg suchen und finden müssen. „Es gibt keinen Schalter, den man einfach umlegt. Aber ich habe gelernt, mit der Situation umzugehen.“

Seit fast zwei Wochen ist Pauline Grabosch mit der deutschen Mannschaft in Oakville, bereitet sich auf den zweiten von sechs Weltcups in Milton (26. bis 28. Oktober) vor. Zusammen mit Miriam Welte wird sie dort im Teamsprint starten, zudem im Sprint. „Ich bin noch nicht wieder in der Form, in der ich schon mal war – trotz Ehrgeiz und harter Arbeit. Das braucht noch etwas Zeit“, sagt Grabosch, die seit dem 1. Oktober der Sportfördergruppe der Bundeswehr angehört. Angriffslustig ist die Teamsprint-Weltmeisterin trotzdem schon wieder: „Wir wissen, zu was wir in der Lage sind. Wenn alles passt, können wir uns vorne einreihen“, sagt Grabosch, die die Zeiten vom ersten Weltcup in Paris genau studiert hat.

In fünf Wochen, beim Weltcup im Berliner Velodrom (30. November bis 2. Dezember), soll die Form dann schon ein ganz Stückchen besser sein. Dort dann das Jahr zu beenden, wie es begonnen hat, nämlich mit einem Sieg, wäre sicher bemerkenswert. Aber auch so sagt Pauline Grabosch über 2018: „Dieses Jahr werde ich auf jeden Fall nicht vergessen.“