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Kristina Vogel: „Das wird eine sehr, sehr schnelle WM“

Kristina Vogel © Arne Mill / Frontalvision.de
Kristina Vogel © Arne Mill / Frontalvision.de

Kristina Vogel, 2019 stand im Zeichen Ihrer „Bucket-List“, eine Art Wunschzettel für besondere Erlebnisse. Sie wagten unter anderem einen Fallschirmsprung und erlebten viele andere Dinge, zu denen Ihnen als Leistungssportlerin die Zeit fehlte. Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Da kann ich kein einzelnes Erlebnis nennen, es ist die Summe an Erfahrungen und Begegnungen, die das Jahr 2019 für mich besonders gemacht hat. Lange hat der Rennkalender mein Tagesgeschäft bestimmt. Es ist jetzt einfach schön, sich für Vorhaben Zeit zu nehmen. Im Juni konnte ich beispielsweise über Stunden zusehen, wie Maximilian Levy in Frankfurt seinen ersten Ironman-Triathlon bestritten hat. Normalerweise wäre ich an diesem Wochenende den Grand Prix in Cottbus gefahren.

Neben Ihren vielen Verpflichtungen, zum Beispiel in der Erfurter Stadtpolitik, arbeiten Sie seit einigen Wochen auch als Trainerin bei der Bundespolizei. Ist die Trainerin Kristina Vogel genauso ungeduldig wie die Sportlerin Kristina Vogel?
Das kann ich nicht beurteilen, weil ich mich in diese Tätigkeit gerade hereinfinde. Da suche ich noch ein bisschen meinen Weg. Aber nicht jede gute Athletin ist automatisch eine gute Trainerin.

Ihr Unfall liegt im Juni 2020 zwei Jahre zurück. Wie dicht verfolgen Sie den aktuellen Bahnradsport?
Ich habe natürlich etwas Abstand gewonnen. Das ist der Lauf der Dinge, wenn man seine aktive Karriere beendet hat – das hat nichts mit meinem Unfall zu tun. Natürlich verfolge ich die Ergebnisse und schaue mir im Internet ausgewählte Rennen an.

Bei der WM in Berlin sind Sie neben Ihrer Funktion als Botschafterin als TV-Expertin im ZDF im Einsatz. Haben Sie Ihre „Hausaufgaben“ gemacht und gehen wie als Sportlern top vorbereitet ans Mikrofon?
Meine Vorbereitung sind 18 Jahre Leistungssport, von daher kann ich da ganz gut mitreden. Das Reglement hat sich nicht viel verändert, so bin ich noch gefahren. Natürlich gibt es inzwischen neue Gesichter wie zum Beispiel die kanadische Sprinterin Kelsey Mitchell. Da schaue ich natürlich im Internet, ob ich ein paar Fakten oder eine Anekdote aus ihrer Jugendzeit finde.

In fünf Monaten wartet mit den Olympischen Spielen in Tokio ein noch größerer Höhepunkt auf die Sportlerinnen und Sportler. Was für eine WM erwarten Sie in Berlin?
Die Weltmeisterschaft vor den Olympischen Spielen wird richtig knackig und richtig schnell. Trotzdem ist es eine Durchgangsstation. Einige Nationen werden ein bisschen was ausprobieren, andere Nationen und Sportler müssen sich überhaupt für Tokio erst noch qualifizieren. Deshalb wird es eine sehr, sehr schnelle und hochkarätige WM.

Auf welche Athletinnen und Athleten sollten die Zuschauer im Velodrom ein besonderes Auge haben?
Jede Disziplin hat besondere Höhepunkte und tolle Fahrer zu bieten. Im Vierer der Männer hat die dänische Mannschaft in der Weltcup-Saison ganz starke Ergebnisse gezeigt. Aus deutscher Sicht haben die Vierer bei Männern und Frauen auch eine tolle Entwicklung hingelegt und machen sehr viel Freude. Im Madison haben wir unsere Doppel-Weltmeister Roger Kluge und Theo Reinhardt, die total viel Spaß machen. Im Sprint der Männer ist der sechsfache Olympiasieger Jason Kenny aus Großbritannien zurück. Man merkt: Olympia kommt, Olympia rückt näher. Alle Nationen bereiten sich intensiv auf die WM vor und werden in Berlin mit purer Gewalt fahren.

Wie sehen Sie die Entwicklung im Kurzzeitbereich der Frauen?
Emma Hinze und Lea Sophie Friedrich sind drauf und dran, sich in der Weltspitze zu etablieren. Ich bin froh, dass beide scheinbar viel von mir gelernt haben. Sie versuchen, in meine Fußstapfen zu treten und darüber hinaus zu kommen. Es wird aber nicht leicht in Berlin. Es gibt neue starke Fahrerinnen wie Kelsey Mitchell. Die Australierin Stephanie Morton und die Russin Anastasija Voinova sind auch wieder erstarkt. Ich freue mich sehr auf die Rennen – und wann immer die Mädels mich für einen Rat brauchen, bin ich für sie da.

Kristina Vogel (29) gewann bei den Olympischen Spielen 2012 (Teamsprint mit Miriam Welte) und 2016 (Sprint) jeweils die Goldmedaille. In Rio kam noch Bronze im Teamsprint hinzu. Die Erfurterin wurde elfmal Weltmeisterin und ist die erfolgreichste Bahnradsportlerin aller Zeiten. Seit einem Trainingsunfall im Juni 2018 ist sie querschnittgelähmt. Für die Bahn-WM 2020 engagiert sich Kristina Vogel als Botschafterin.